Vorwort

In den letzten Jahren habe ich viele Erlebnisse in meinem privaten Journal festgehalten. Doch in einem Jahr – im Jahr 2023 – habe ich nur einen einzigen Journaleintrag am Jahresende geschafft. Für mehr hatte ich in dem gesamten Jahr einfach keine Zeit. Es hat bis heute, den 25. Dezember 2025 gedauert, bis ich dazu kam meine Erfahrungen endlich schriftlich festzuhalten.


Es war Mitte Januar 2023, nur wenige Wochen nachdem ich Firmeninsolvenz beim Amtsgericht Düsseldorf angemeldet hatte, als meine Oma Ida Katharina Gertrud Breyer mich anrief und fragte, ob ich für ein paar Tage zu ihr nach Bad Pyrmont kommen könnte. Mein Onkel Karl-Heinz Breyer, der sie pflegte, war krank und musste zu einer Untersuchung ins Krankenhaus.

Da ich aufgrund der Insolvenz keine Mitarbeiter mehr hatte, und damit auch weniger Verpflichtungen hatte, habe ich natürlich zugesagt. 

Zu der Zeit habe ich schon rund 20 Jahre lang nicht mehr in Bad Pyrmont gewohnt. Mein Lebensmittelpunkt war schon lange in Neuss, also rund 250 km weit weg von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Meine Oma war mir immer wichtig. Für mich war es selbstverständlich, dass ich ihr helfe. So wie sie mir immer geholfen hat, soweit es ihr möglich war.

Kurz bevor ich zu ihr kam, musste sie ins Krankenhaus. Als sie dort wieder heraus kam, ging es ihr allerdings nicht gut. Sie hatte starke Probleme mit der Atmung. Wie sich herausstellte hatten die Ärzte vom Agaplesion (Evangelisches Bathildiskrankenhaus Bad Pyrmont) sie entlassen, obwohl sie Wasser in der Lunge hatte. 

Sie musste also nach wenigen Tagen wieder ins Krankenhaus. Dieses Mal wurde das Wasser abgezogen und sie kam – sichtbar dünner – wieder nach Hause.

Ihr Gesundheitszustand war trotzdessen nicht gut. Sie war bereits seit einem Dreiviertel-Jahr bettlägerig, hatte eine Herzinsuffizienz, Nierenprobleme und Diabetes Typ 2.

Morgens, mittags und abends kam der Pflegedienst, welcher ebenfalls der Agaplesion Gruppe angehörte. Die Pfleger haben sie gewaschen, sie auf die Toilette gesetzt, den Zucker gemessen und Insulin gespritzt, und ihr ihre Medikamente verabreicht. Ihr damaliger Hausarzt war Dr. Gimenez, welcher ihr rund 15 Medikamente pro Tag verschrieben hatte.

In den ersten 2-3 Wochen meines Aufenthalts bei ihr war sie lethargisch und lag einfach nur in ihrem Bett. Nicht einmal Fernsehen wollte sie schauen. Es sah so aus als ob sie einfach nur darauf wartet, dass „alles ein Ende hat“. Sie war depressiv. 

So kannte ich meine Oma nicht. Sie war ein Mensch, der das Leben so nahm, wie es kam. „Wir müssen ja dankbar sein, dass wir das Leben noch haben.“ oder „Wir müssen ja zufrieden sein.“ waren Sätze, die ich oft von ihr gehört hatte. Sie war eine starke Frau. Eine Frau, die den zweiten Weltkrieg noch miterlebt hatte. 

Anfang 2023 war sie 93 Jahre alt. Ihr Mann, mein Opa Fritz-August Breyer, war schon 1999 verstorben. Auch er hatte Wasser in der Lunge. Mein Vater, Siegfried Hermann Breyer, war 2015 ebenfalls schon verstorben. Wohl an einem plötzlichen Aneurisma im Gehirn und ohne die Möglichkeit Abschied zu nehmen.

Doch meine Oma hat sich (fast) nie beklagt: „Man muss das Leben so nehmen, wie es eben kommt.“

Zu sehen, wie schlecht es ihr ging, war schlimm für mich. Obwohl das Wasser aus der Lunge erstmal abgezogen war, hatte sie vor allem abends Probleme mit der Atmung. 

Ich hatte keinerlei Erfahrung im Pflegebereich oder in der Medizin. Doch ich wollte, dass es ihr wieder besser geht. Also habe ich angefangen zu recherchieren. Ich habe mir ihre Diagnosen, ihre Symptome, ihre Ernährung und jedes ihrer Medikamente genau angeschaut. 

Es war schnell klar, dass ich länger in Bad Pyrmont bleiben würde, denn bei meinem Onkel wurde mehrfacher Krebs und eine schwere Niereninsuffizienz diagnostiziert. Er konnte sie also nicht mehr pflegen. 

Wäre ich nicht geblieben, dann wäre sie in ein Pflegeheim gekommen, und das wollte ich ihr ersparen, wenn es irgendwie möglich war. 

Für mich bedeutete das, dass ich im Jahr 2023 nur 4-5 Stunden pro Nacht geschlafen habe. In meinem Insolvenzjahr 2022 war es immerhin noch eine Stunde mehr Schlaf im Durchschnitt. Doch das war es mir wert.

Und ich hatte – trotz ihres hohen Alters – Erfolge. 

Der wohl größte Erfolg war, dass sie ihr Bett wieder verlassen konnte und sich – zumindestens zeitweise – mit dem Rollstuhl selbst in ihrer Wohnung bewegen konnte. Das war nach Monaten Bettlägerigkeit in ihrem Alter „eigentlich“ unmöglich. Und es dauerte auch einige Zeit und erforderte etwas Training bis ihre Muskeln sich wieder ausreichend aufgebaut hatten.

Nachdem ich mir einen Überblick über ihre Krankheiten verschafft hatte, habe ich ihre Ernährung umgestellt. Bei meinem Onkel hatte sie meist Fertigessen bekommen, was er ihr ans Bett gebracht hat. Und morgens hat sie jeden Tag Marmeladenbrot gegessen, was aufgrund des hohen Zuckergehaltes eher die Ausnahme als die Regel sein sollte.

Wir hatten nicht wenige Diskussionen wegen dieser Marmelade, die ich „leider“ beim Einkaufen vergessen hatte. Dabei war einer der Pfleger vom Pflegedienst nicht gerade hilfreich, wenn er zu ihr sagte: „Ach, essen Sie ruhig ihr Marmeladenbrot. Wir können ja spritzen.

Habe ich damit in das Selbstbestimmungsrecht meiner Oma eingegriffen? Ja. Definitiv. 

Doch ich musste in diesem Jahr immer wieder ihre Selbstbestimmung gegen meine eigene abwägen. Ich konnte nicht tatenlos dabei zusehen, wie sie leidet. Und wie viele in ihrer Generation sah sie keinen Zusammenhang zwischen ihrer Ernährung und ihrer Gesundheit bzw. ihren Krankheiten. 

Am Anfang habe ich immer versucht ihr zu erklären, was zum Beispiel Salz- und Zuckerkonsum mit Nierenproblemen zu tun haben. Das habe ich dann recht schnell aufgegeben, denn meistens endete es mit Streit. Stattdessen habe ich „einfach gemacht“.

Dass bedeutet ich habe jeden Tag gekocht und genau auf die Zusammensetzung der Ernährung geachtet. Zeitgleich habe ich über Wochen dokumentiert, wie ihre Zuckerwerte, ihr Blutdruck und die Sauerstoffsättigung im Blut sich entwickelten. 

Das mag exzessiv gewirkt haben, doch es gab schon im Februar 2023 eine Situation, die ich möglichst nicht nochmal erleben wollte:
Ich wurde mitten in der Nacht wach, weil das Gerät laut klingelte mit dem sie sich bemerkbar machen konnte. Ich sprang aus dem Bett und lief zu meiner Oma. „Luft… Ich… keine Luft…“ kam von ihr. Ich rief sofort den Notdienst an, der mir sagte, dass es schon etwas dauern könnte. Dann zog ich sie aus dem Liegen hoch in eine sitzende Position in der Hoffnung, dass das ihre Atmung verbessern könnte. „Gleich kommt ein Arzt, der dir hilft und dann geht es dir gleich wieder besser. Alles wird gut.“ sagte ich zu ihr und versuchte sie zu beruhigen, während sie mich mit weit aufgerissenen Augen ansah und nach Luft schnappte. Gott sei Dank kam der Rettungsdienst halbwegs schnell und ich musste ihr nicht beim Ersticken zusehen ohne auch nur das Geringste dagegen tun zu können.

Diese Situation wollte ich definitiv nicht nochmal erleben. Mir war zwar klar, dass sie irgendwann sterben würde, doch: Nicht so. Nicht wenn ich es irgendwie verhindern konnte.

Meine Recherchen ergaben, dass die meisten Medikamente für ältere Menschen an jungen, gesunden Menschen getestet werden. Also nicht an der tatsächlichen „Zielgruppe“. Außerdem können Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Medikamenten kaum nachvollzogen werden, wenn es mehr als ca. 3 unterschiedliche Produkte betrifft.

Meine Oma bekam rund 15 verschiedene Medikamente. Gegen Bluthochdruck, obwohl ihr Blutdruck nach meinen Messungen konstant viel zu niedrig war. Gegen zu hohen Zucker, obwohl Diabetes Typ 2 nach neuesten Forschungen durchaus „heilbar“ sein kann. Mit guter Ernährung und einem gesundheitsförderlichen Lebensstil. Meine Oma glaubte zwar nicht daran, doch es ging ihr mit der Zeit wieder besser. 

Sie fing wieder an Fernsehen zu schauen. Ihre Stimmung wurde besser. Sie fing wieder an zu lesen. Sie zeigte wieder Interesse daran doch noch weiter zu leben. Später erzählte sie mir, dass sie Anfang des Jahres dachte, dass ihre Zeit nun gekommen ist.

Meinem Onkel dagegen ging es immer schlechter. Er musste alle paar Tage zur Dialyse, wonach er es kaum noch die Treppen hoch schaffte. Zusätzlich begann dann noch die Chemotherapie. Dann wurde er positiv auf Corona getestet und lag über Wochen alleine in einem dunklen Zimmer im Agaplesion Krankenhaus Bad Pyrmont. Nachdem er Corona soweit überstanden hatte, kam er in ein anderes Zimmer im Krankenhaus. Seine Lebensgefährtin und ihre Schwestern besuchten ihn dort zwar regelmäßig, doch es ging ihm zusehends schlechter. 

Ich hatte nie viel mit ihm zu tun. Er war kein Mensch, der viel gesprochen oder gelacht hat. Trotzdem habe ich ihn in dieser Zeit jeden Tag besucht. Stellvertretend für meine Oma, die das Haus auch mit Rollstuhl aufgrund der Treppen nicht verlassen konnte. Die Tochter meines Onkels lebte zwar keine 30 Minuten Autofahrt entfernt, doch sie ließ sich im Krankenhaus bis kurz vor seinem Tod nicht blicken. Ich schrieb ihr mehrere Male. Er tat mir leid.

Anfang Mai 2023 bekam ich dann einen Anruf vom Arzt meines Onkels. Warum dieser mich statt seiner Tochter oder seiner Lebensgefährtin anrief, weiß ich bis heute nicht. 

Der Arzt sagte sinngemäß, dass mein Onkel bald sterben würde, und fragte ob er nachhause oder in ein Hospiz gebracht werden sollte. 

Wie es weiter geht, erfährst du in Kürze im zweiten Teil dieses Beitrags.


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Über die Autorin

Daniela Breyer ist Unternehmerin, Autorin und unabhängige Menschenrechts-Verteidigerin. Ihre Arbeit befasst sich mit Menschenrechtsfragen, institutionellem Versagen sowie der historischen und gegenwärtigen Wirkung staatlicher und halbstaatlicher Strukturen auf das Leben Einzelner.

Ausgehend von eigener existenzieller Betroffenheit durch behördliche Maßnahmen, wirtschaftliche Ausgrenzung und den Entzug grundlegender Lebensbedingungen begann sie, systematisch zu recherchieren. Diese Recherchen entstanden nicht aus politischer oder ideologischer Motivation, sondern aus der Notwendigkeit heraus, Ursachen, Verantwortlichkeiten und Strukturen zu verstehen.

Im Rahmen ihrer Arbeit stieß sie auf bislang unzureichend aufgearbeitete historische Strukturen in Bad Pyrmont und Umgebung, unter anderem zu Stiftungen, Einrichtungen, Zwangsarbeit, Verschickungssystemen sowie personellen und ideologischen Kontinuitäten über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Ihre Veröffentlichungen stützen sich auf öffentlich zugängliche Archivdokumente, private Unterlagen der Familie Breyer und Zeitzeugenberichte. Ergänzend analysiert sie bauliche Strukturen, Eigentumsverhältnisse sowie die nachweisbare Verflechtung staatlicher und privatwirtschaftlicher Interessen und Entscheidungen.

Ziel ihrer Arbeit ist es, Informationen zugänglich zu machen, Zusammenhänge nachvollziehbar darzustellen und zur rechtlichen wie gesellschaftlichen Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und institutionellem Unrecht beizutragen.

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